In Frankens Eisenbahngeschichte nehmen die Coburger Nebenstrecken eine gewisse Sonderstellung ein, da sie weder als Vizinal-, noch als Lokalbahnen entstanden sind. Coburg gelangte erst im Jahr 1920 unter die Verwaltung des noch jungen Freistaates Bayern. Diese damalige Entscheidung sollte Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung des Landes haben und zwar massgeblich. Auch sind hier die eigentlich klar definierten Grenzen zwischen Haupt- und Nebenbahn gleich bei zwei Linien infolge der Zeitgeschichte eher fliessend zu betrachten.
Im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha war das Eisenbahnzeitalter mit Vollendung der Werrabahn, Deutschlands längster Nebenfernstrecke, eingeläutet worden. Am 1. November 1858 verkehrten die ersten Züge von Eisenach bis Coburg. Zeitgleich ging auch die Zweigstrecke nach Sonneberg in Betrieb. Knapp drei Monate später konnte die Werrabahn auch auf dem 20,7 Kilometer langen Reststück zwischen Coburg und Lichtenfels dem Verkehr übergeben werden. Seither besteht in Lichtenfels Anschuss an Züge der Ludwig-Süd-Nordbahn (Lindau - Augsburg - Nürnberg - Hof). Die Betriebsführung zwischen Eisenach und Lichtenfels oblag der privaten Werra-Eisenbahn-Gesellschaft mit Sitz in Meiningen. Diese pachtete den auf fränkischem Territorium gelegenen Abschnitt vom Königreich Bayern.

Die Werra-Eisenbahn-Gesellschaft eröffnete als erste Nebenbahn des Herzogtums am 1. Juli 1892 eine 17,6 Kilometer lange Strecke von Coburg nach Rodach. Durch die erhofften, aber ausgebliebenen Erwartungen an die Werrabahn war das Unternehmen jedoch zum damaligen Zeitpunkt schon finanziell angeschlagen. Schliesslich übernahm das Königreich Preußen gut drei Jahre später die Bahngesellschaft zusammen mit dem zugehörigen 224 Kilometer umfassenden Streckennetz und ordnete es am 1. Oktober 1895 der Eisenbahn-Direktion Erfurt zu. Den Betrieb auf dem gepachteten Abschnitt bis Lichtenfels führte die Preussischen Staatsbahn weiter.
Noch zu Zeiten der Werra-Eisenbahn-Gesellschaft keimten auch im Itzgrund erste Bemühungen auf, einen eigenen Bahnanschluss zu erhalten. Die Staatsbahn baute abzweigend bei Creidlitz eine Kleinbahn ins nur acht Kilometer südlich gelegene Rossach. Dafür wurde am Abzweig von der Werrabahn ein neuer Bahnhof notwendig. Dem Bayerischen Lokalbahngesetz ähnlich mussten die Anliegergemeinden den hierfür notwendigen Grund und Boden entschädigungsfrei zur Verfügung stellen. Die Itzbahn nahm am 4. Dezember 1900 den planmässigen Betrieb auf.

- Coburger Land - Eisenbahn-Revier
Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha lag in fränkischer Nachbarschaft zum Königreich Bayern. Mit vielen Königshäusern des europäischen Hochadels bestanden enge, zum Teil familiäre Verbindungen. Das Aussterben der Altenburger Linie hatte 1826 eine grundlegende Neustrukturierung ernestinischer Herzogtümer zur Folge. Als Ausgleich für den Saalfelder Landesteil erhielt das Haus Coburg seinerzeit das Herzogtum Gotha und die Ämter Königsberg und Sonnefeld.
Beide zuletzt genannten Orte gehörten bislang zum Herzogtum Sachsen-Hildburghausen, welches seinen Amtssitz nach Altenburg verlegte. Therese von Sachsen-Hildburghausen war unmittelbar mit den Wittelsbachern und auch dem Königsreich Bayern verbunden, denn sie heiratete am 12. Oktober 1810 den damaligen Kronprinzen Ludwig. Der Tod von König Maximilian I. kürte sie 1825 zur Königin von Bayern. Bei der Bevölkerung war die geschickte Monarchin sehr beliebt, die Theresienwiese in München ist unter anderem nach ihr benannt. Das Oktoberfest feiert man zum Gedenken an ihre Vermählung. König Ludwigs I. Herrschaft währte bis zu seiner Abdankung am 19. März 1848, die Gründungszeit deutscher Eisenbahngeschichte fiel somit inmitten seiner Regentschaft.

Die Eisenbahn im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha
Wappen des Herzogtumes Sachsen-Coburg und Gotha
Als dritte und letztgebaute Nebenbahn des Coburger Netzes kam acht Monate später der Abschnitt entlang des Sonnefelder Forstes hinzu. Nahe der Grenze zu Franken zweigte sie in Ebersdorf von der Werrabahn in östlicher Richtung ab und führte zunächst bis nach Weidhausen.
Coburg und seine Nebenbahnen
Nach Ende des Krieges 1918 mussten die Monachen in Deutschland abdanken, das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha wurde Freistaat des Deutschen Reiches. Die Coburger entschieden sich per Volksabstimmung zum Beitritt an Bayern. Seit 1. Juli 1920 gehört das Coburger Land zu Oberfranken. Die Veste Coburg wird seither auch “Fränkische Krone” genannt.
Genau vier Monate später konnte die noch junge Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft die 22,4 Kilometer lange Weiterführung der Steinachtalbahn dem öffentlichen Verkehr übergeben. Auf einer Länge von 3,8 Kilometern führte das Gleis bei Heubisch-Mupperg durch Thüringer Staatsgebiet. Nun war es möglich, Coburg mit dem Zug in südlicher Richtung zu verlassen, bei Ebersdorf nordöstlich von der Werrabahn über Sonnefeld und Hof-Steinach in Richtung Neustadt (b. Co) abzuzweigen. Dort angekommen und mit einem Fahrtrichtungswechsel verbundenen Umstieg war es möglich, von Norden kommend wieder nach Coburg zu gelangen. Dieses Kuriosum verschaffte der Nebenstrecke bei der Bevölkerung auch den Namen “Karussellbahn”. Diese Strecke zählt zu den letzgebauten Erschliessungsbahnen, zugleich war damit für viele Jahrzehnte der Bau neuer Schienenwege abgeschlossen.
Die vertraglich festgelegte Verlängerung der Rossacher Linie mit Anschluss zum nur sieben Kilometer entfernten Kaltenbrunn an der Lokalbahn Breitengüßbach - Dietersdorf kam nie zustande. Ferner besiegelte ein vor dem Krieg geschlossener Staatsvertrag den Bau einer Verbindungsbahn zwischen der Nebenbahn Coburg - Rodach und der Lokalbahn Neustadt (a. d. Saale) - Königshofen (i. Grabfeld), aber auch dieses Projekt konnte nicht mehr weiter verfolgt werden.
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Bezeichnung |
Eröffnungstermin(e) |
Streckenlänge |
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Eisenach (- Coburg) - Lichtenfels |
Werrabahn |
(01.11.1858) 22.01.1859 |
150,90 km |
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Coburg - Sonneberg |
Rödentalbahn |
01.11.1858 |
19,51 km |
Auf der Übersichtskarte ist die Ausdehnung des Coburger Streckennetzes zum Ende 1901 dargestellt - bis auf den Abschnitt von Weidhausen nach Neustadt (b. Co.). Diese Weiterführung der Steinachtalbahn existierte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, denn es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis durch einen zweiten notwendig gewordenen Staatsvertrag zwischen den Herzogtümern Sachsen-Coburg und Gotha sowie Sachsen-Meiningen die Verhandlungen abgeschlossen werden konnten. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus und der Bau der Nebenbahn verzögerte sich abermals.


Im Zweiten Weltkrieg blieb diese Region weitgehend von Zerstörungen bewahrt, im Coburger Personenbahnhof beklagte man lediglich die Zerstörung des Wartesaals erster Klasse. Die Werrabahn nach Lichtenfels war bei Schney durch die Sprengung der Mainüberquerung ein halbes Jahr lang unterbrochen. Im April 1945 rückte die 11. amerikanische Panzerdivision die Residenzstadt ein und erklärten den Landkreis zur amerikanischen Besatzungszone. Thüringen hingegen kam im Tausch gegen West Berlin zum sowjetisch verwalteten Territorium.
Durch die isolierte Lage im Zonenrandgebiet verlor Coburg seine einst zentrale Lage. Die Verkehrsströme nahmen weitgehend regionalen Charakter an, einzig der Grenzübergang der Bundesstrasse 4 Richtung Eisfeld ermöglichte später eine Reisemöglichkeit nach Norden. Im Schatten der Veste regte sich in der Bevölkerung zunehmend Widerstand gegen das Abschneiden der Bahnverbindungen, vor allem das Schicksal der Werrabahn rief massive Proteste hervor. Die Initiative der Coburger und der Besuch des damaligen bayerischen Verkehrsministers sollte sich für die alte Residenzstadt auszahlen, bereits nach vierzehn Tagen nahm die Bundesbahn am 6. Februar 1950 die Arbeiten zur Elektrifizierung des fränkischen Teiles der Werrabahn von Lichtenfels nach Coburg auf. Später Dank für die Lojalität zum Freistaat Bayern?
Durch die Grenzziehung der DDR waren im Kreis Coburg gleich drei Bahnstrecken unmittelbar betroffen: Die Demarkationslinie durchschnitt die Steinachtalbahn im Abschnitt Fürth (a. B.) - Neustadt-Süd auf 3,8 Kilometern Länge. Der Bahnhof Heubisch-Mupperg blieb fortan durch den “Eisernen Vorhang” unerreichbar. Die Züge der Werrabahn endeten nun in der Station Görsdorf. Das Bahngelände liegt noch in Oberfranken, die gleichnamige Ortschaft dagegen mitten im DDR-Sperrgebiet. Von Eisfeld aus war der Betrieb bis zur Grenze vollständig eingestellt worden, auf fränkischer Seite verkehrten in nebenbahnähnlicher Betriebsabwickung noch Personenzüge bis nach Tiefenlauter. 1977 wurde die Strecke im Abschnitt Coburg bis Grenze zurückgebaut. Ebenfalls massiv betroffen war die Hauptstrecke Coburg - Sonneberg. Unmittelbar am Stadtrand von Neustadt (b. Co.) durchtrennte die Grenze die Schienenverbindung ins Vorland des Thüringer Waldes. Sonneberg blieb nur noch von Meiningen aus über Rauenstein, und von Saalfeld kommend über Lauscha erreichbar. Der Streckenabschnitt Sonneberg bis zur DDR-Staatsgrenze wurde vollständig zurückgebaut.
Nachkriegszeit und Zonengrenze
Wappen des Landkreis Coburg
Eine echte Lokalbahn im Landkreis Coburg
Ende des 20. Jahrhunderts keimten neue Hoffnungen für Coburgs verbliebene Nebenbahnen auf. Mit einem stadtbahnähnlichen Konzept sollten die Rossacher Linie, die Steinachtalbahn bis Weidhausen-Ost und ”der Rodacher” als moderne Verkehrsträger umstrukturiert werden. Nachdem die geplante Reaktivierung am Desinteresse einiger kommunaler Politiker scheiterte, wurde zunächst die Steinachtalbahn abschnittsweise in den Jahren 1992 bis 2000 abgebaut. Creidlitz - Rossach ereilte 2005 das gleiche Schicksal.
Nach rund neunzigjähriger Entstehungspause neuer Bahnstrecken wird derzeit an der ICE-Schnellfahrstrecke (Nürnberg -) Ebensfeld - Erfurt gebaut. Allerdings führt dieses teure Prestigeobjekt der Deutschen Bahn AG an der alten Residenzstadt vorbei. Damit gab man sich hier nicht zufrieden und nutzte seine guten politischen Beziehungen nach München - mit Erfolg! Von Ebensfeld kommend zweigt künftig eine Verbindungsbahn von der ICE-Trasse nach Creidlitz ab und mündet dort auf die Werrabahn ein. Am nordöstlichen Stadtrand entsteht eine Verbindung auf eigenem Bahnkörper parallel zur Strecke Coburg - Sonneberg und erreicht nähe Oeslau wieder die Schnellfahrstrecke. Diese überspannt auf einem kühnen Brückenbauwerk parallel zur A 71 das Tal der Röden. Ab 2017 erhält Coburg einen neuen, leistungsfähigen Bahnanschluss in Nord-Süd-Richtung. Ob damit die frühere Bedeutung zurückgewonnen werden kann? Die Zukunft wird es zeigen.
Nur die Strecke Coburg - Rodach ist als kläglicher Rest des einst 56 Kilometer umfassenden Nebenbahnnetzes erhalten geblieben. Sie wird heute noch bis Bad Rodach im SPNV, bzw. bis zum Müllheizkraftwerk unweit Neuses mit Güterzügen befahren. 2008 schrieb die Bayerische Eisenbahn Gesellschaft (BEG) die Streckenkonzession als Teil des “Dieselnetzes Oberfranken” neu aus. Das Rennen machte ein Unternehmen namens BeNEX. Mit Verbesserung des Fahrplanangebotes und neuen Fahrzeugen konnten verloren gegangene Fahrgäste wieder von der Bahn überzeugt werden.
Im Jahre 1975 erwischte es die Bahnstrecken (Breitengüssbach -) Kaltenbrunn-Untermerzbach - Dietersdorf auf fünfzehn Kilometern und Ebersdorf (b. Co.) - Fürth (a. Berg) auf 23 Kilometern Länge. Neun Jahre später rollte auch zwischen Creidlitz und Rossach der letzte planmässige Reisezug. Wenn man heute die oft verstopfte B 303 oder B 4 stressgeplagt befahren muss, stellt sich die Frage ob die Angebotsumstellung vom SPNV zum Busbetrieb der richtige Weg war, oder immer noch ist?
Eine 1972 durchgeführte Neuordnung vieler bayerischer Landkreise, welche die Aufteilung oder Zusammenlegung zur Folge hatte, nahm auch Einfluss auf das Coburger Land. An der östlichen Landkreisgrenze kamen die Gemeinden Hof a. d. St., Steinach a. d. St., Leutendorf und Mödlitz, sowie Horb a. d. St. zum Landkreis Kronach. Westlich hingegen bekam der Landkreis Coburg Zuwachs von den aufgelösten Kreisen Ebern und Staffelstein. Darunter war auch die Gemeinde Sesslach mit der Strecke Breitengüßbach - Dietersdorf. Fortan bereicherte das Coburger Nebenbahnnetz durch Zugewinn des Teilstückes Kaltenbrunn - Sesslach - Dietersdorf eine bayerische Lokalbahn.
Der ICE nach Coburg Hbf
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Bezeichnung |
Eröffnungstermin(e) |
Streckenlänge |
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Der “Rodacher” |
01.10.1895 |
17,65 km |
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Creidlitz - Rossach |
Itzbahn |
04.12.1900 |
8,10 km |
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Ebersdorf (- Weidhausen) - Neustadt b. Co. |
Steinachtalbahn |
(01.08.1901) 01.11.1920 |
30,24 km |
Mit dem Mauerfall 1989 kam wieder Bewegung in Coburgs Eisenbahnwelt. Der seit 1945 abgetrennte Streckenabschnitt Neustadt - Sonneberg wurde wieder aufgebaut und der wiedereröffnete Streckenabschnitt elektifiziert. Seit dem Lückenschuss vom 28. September 1991 kann man wieder per Bahn von Coburg in den Thüringer Wald reisen.
Text: Wolfgang Bleiweis, Jürgen Dill
Quellenverzeichnis
Wappen der Stadt Coburg
Literatur-Tipp
ISBN 978-3-9810681-3-9